Evidence 014

Sind Flexileinen gefährlich?

Kaum ein Hundethema wird so hart diskutiert. Wir haben nachgesehen, worauf sich die Warnungen stützen. Ergebnis: Die großen Zahlen sagen etwas anderes, als alle daraus lesen, und der Hersteller warnt konkreter als die meisten Ratgeber.

Die Behauptung

Rollleinen seien gefährlich. Genannt werden abgetrennte Finger, Schnitt- und Brandwunden an der Hand, Stürze, Hunde, die in den fließenden Verkehr laufen, und Leinen, die reißen. Untermauert wird das meist mit einer großen Zahl an Verletzungen aus amerikanischen Notaufnahmen.

Die Gegenseite hält dagegen, es liege an der Bedienung, nicht am Gerät.

Was die zitierten Zahlen wirklich sagen

Forrester, 2020. Die am häufigsten zitierte Arbeit wertet das amerikanische Verletzungsregister NEISS für die Jahre 2001 bis 2018 aus. In der Stichprobe stecken 8189 Fälle, hochgerechnet auf die Bevölkerung sind das 356.746 Verletzungen im Zusammenhang mit Hundeleinen. 193.483 davon entstanden durch einen Ruck, 136.767 durch Stolpern oder Verheddern. Die Rate stieg von 25,4 je Million Einwohner im Jahr 2001 auf 105,5 im Jahr 2018. 88,2 Prozent der Verletzten waren Erwachsene, 73,0 Prozent Frauen.

Plusch und Kollegen, 2024. Eine Auswertung von 443 Hand- und Handgelenksverletzungen aus der ambulanten Versorgung. Am häufigsten traf es den Ringfinger mit 147 Fällen, dann das Handgelenk mit 80 und den Mittelfinger mit 76. Die häufigsten Diagnosen waren Brüche des Grundglieds, Verstauchungen der Fingergelenke und Brüche des Mittelglieds.

Und jetzt der Punkt, an dem die Diskussion kippt: Keine der beiden Arbeiten unterscheidet zwischen Rollleine und fester Leine. Sie zählen Leinenverletzungen, nicht Flexileinenverletzungen. Wer diese Zahlen als Beleg gegen die Rollleine anführt, führt sie gegen die Leine an sich an.

Eine Untersuchung, die beide Bauarten vergleicht, haben wir nicht gefunden.

Was der Hersteller selbst schreibt

Bemerkenswerterweise ist die deutlichste Warnung nicht die der Kritiker, sondern die des Marktführers. In den Sicherheitshinweisen von flexi steht wörtlich:

„Greifen Sie nicht in das Seil bzw. den Gurt. Sie können sich verletzen."

„Wickeln Sie das Seil bzw. den Gurt nicht um Körperteile. Sie können sich verletzen."

Dazu die Anweisung, zusätzlich zum Halsband immer die beigefügte Sicherheitsschlaufe zu benutzen, damit Seil oder Gurt bei einem gerissenen Halsband nicht zurückschnellen. Und der Hinweis, die Leine vor jeder Benutzung auf Verschleiß zu prüfen, weil starke Abnutzung die Reißfestigkeit stark vermindern kann.

Das ist kein Nebensatz im Kleingedruckten, sondern eine klare Ansage des Herstellers: Das Seil gehört nicht in die Hand. Genau das aber ist der Reflex, wenn der Hund losschießt.

Was daraus folgt und was nicht

Die geschilderten Verletzungsarten passen zum Aufbau. Ein dünnes Seil unter Zug, das durch die Hand läuft, schneidet und verbrennt anders als ein zwei Zentimeter breiter Gurt. Das ist Physik und braucht keine Studie.

Was eine Studie bräuchte, ist der Vergleich: Verletzen sich Menschen mit Rollleinen häufiger als mit festen Leinen, bezogen auf die Zeit, die sie damit unterwegs sind? Diese Frage ist offen. Beide oben genannten Arbeiten können sie nicht beantworten.

Rechtlich ist die Lage in Berlin übrigens unauffällig: Die Anleinpflicht gilt im gesamten Stadtgebiet, eine Höchstlänge schreibt das Gesetz den meisten Hunden aber nicht vor. Mehr dazu in Guide 003.

Das Urteil

Unclear
Studienlage
Zwei belastbare Arbeiten zu Leinenverletzungen, beide ohne Unterscheidung der Bauart. Kein auffindbarer Vergleich von Rollleine und fester Leine.
Unabhängigkeit
Beide Arbeiten stammen aus der medizinischen Fachliteratur ohne Herstellerbezug. Die konkretesten Warnungen zur Bedienung stammen vom Hersteller selbst.

Ob die Rollleine gefährlicher ist als eine feste Leine, ist nicht untersucht. Belegt ist, dass Leinen überhaupt viele Verletzungen verursachen, vor allem durch Ruck und durch Stolpern, und dass Hände am häufigsten betroffen sind.

Unclear heißt hier nicht, dass nichts bekannt wäre. Der Wirkweg ist plausibel und der Hersteller benennt ihn selbst: Wer ins laufende Seil greift, verletzt sich. Wer eine Rollleine benutzt, sollte das ernst nehmen, den Griff nie um die Hand wickeln und in der Stadt kurz arretieren. Wer sie ablehnt, sollte sich nicht auf Zahlen berufen, die diesen Unterschied gar nicht messen.

Quellen und Vorgehen
  1. Forrester MB: Dog leash-related injuries treated at emergency departments. American Journal of Emergency Medicine, 2020. Auswertung des NEISS-Registers 2001 bis 2018.
  2. Plusch K et al.: Hand and Wrist Dog-Leash Injuries in the Outpatient Setting: A Review of 443 Cases. Hand (New York), 2024.
  3. flexi-Bogdahn International: Sicherheitshinweise des Herstellers. Wörtlich zitiert.
  4. Senatsverwaltung für Verbraucherschutz Berlin: Häufige Fragen zum Hundegesetz.

Vorgehen: Gesucht wurde nach Arbeiten, die Rollleinen und feste Leinen vergleichen. Gefunden wurde keine. Die beiden ausgewerteten Arbeiten betreffen Leinenverletzungen allgemein; ihre Zahlen stehen hier deshalb ausdrücklich ohne Bezug auf eine Bauart. Die Herstellerangaben sind wörtlich übernommen. Einzelfallberichte über abgetrennte Finger aus Presseartikeln haben wir nicht ausgewertet, weil sich aus Einzelfällen keine Häufigkeit ableiten lässt. Stand: September 2026.

Transparenz: Helo Atelier verkauft keine Beschäftigungsprodukte. Sollten unter diesem Beitrag Empfehlungen stehen, sind sie als Werbung gekennzeichnet und hatten keinen Einfluss auf Quellenauswahl oder Urteil.

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